Ein Herzschlag ins Gesicht

Noch vier Zigaretten. Und wenn die aufgebraucht sind, finde ich hier bestimmt noch genug. Für diese Nacht. Über dem Tisch hängt eine Lampe, sie leuchtet kalt. Neben der Lampe hängt meine Zukunft, und leuchtet. Kalt. Unten auf dem Boden regt sich etwas, zwei ineinander verkeilte junge Körper. Aber sie küssen sich nicht mehr, sie sind eingeschlafen. Und die anderen liegen daneben, in Küche und Wohnzimmer verteilt. Es sind vielleicht sechs oder sieben, vielleicht auch mehr, der Rest hat den Heimweg angetreten oder sich an ruhigere Orte im Haus abgesetzt. Im Halbdunkel könnten es auch Leichen sein, denke ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie jemals wieder aufstehen werden. Dabei sind sie nur müde, vom Alkohol und vom Tanzen. Sie haben nichts mehr, das sie auf den Beinen hält, jetzt, wo kein Ton mehr aus den Lautsprecherboxen dringt. Sie wurden versprengt. Manche sind in ein paar Minuten dieses Abends miteinander verwachsen, andere schnarchen und an der Wand mir gegenüber lehnt einer, der sich von Vollrausch und Erbrechen nicht hat unterkriegen lassen und die Flasche Rum immer noch fest in seiner Hand umklammert hält, obwohl er tief schläft. Ich erinnere mich, wie er sie im Schnapsschrank des Vaters gefunden hat, und jetzt liegt er fast wie bewusstlos da. Von allen guten Geistern verlassen. Und was ist mit den bösen, sind die jetzt auch weg. Ich bin nicht müde, ich kann nicht schlafen. Draußen ist der letzte Schnee geschmolzen, ich habe das nicht mitbekommen. Ich überlege, ob ich meine Anwesenheit in den Küchentisch einritzen sollte. So etwas wie: „Es ist fünf Uhr morgens, ich bin der letzte Überlebende.“ Auf diesem Schlachtfeld, denke ich, als ich wieder die Flaschen sehe und die Kippen und die Köpfe mit den zugehörigen Menschen dran.
Irgendwo im Haus ist ein Geräusch. Ich denke mir nichts dabei, was soll schon sein und zünde mir eine der übrigen Zigaretten an. Ich mag das Glimmen. Ein alter Freund. Vielleicht rauche ich nur, um ihn ab und an wiedersehen zu dürfen. Dann höre ich deutlich, wie jemand die Treppe heruntergeht und ich kann erkennen, dass er das Zimmer betritt. Obwohl das Licht so unfreundlich klar ist, sehe ich nur einen konturlosen Schatten. Er kommt auf mich zu und sagt: „Hallo.“ Es ist ein Mädchen. Sie ist dünn und über ihre Schultern fallen lange, blonde Haare. Sie sind verwirrt und ich bin mir sicher, sie haben heute Nacht schon einen Kampf überstanden. „Hallo.“, antworte ich. Sie wendet sich wieder von mir ab und sieht sich im Raum um. Mit nicht allzu großer Vorsicht tritt sie gegen ein paar der Schlafenden, nicht, um sie zu wecken, sondern eher, um sie auf irgendeine Weise zu untersuchen. Keiner von ihnen wacht auf. Nach weiteren Begutachtungen setzt sie sich zu mir an den Tisch und nimmt eine der Zigaretten, die ich auf dem Holz ordentlich nebeneinander aufgereiht habe. Ich reiche ihr mein Feuerzeug. Mir fällt auf, dass sie schön ist. Und der Rauch, der aus ihrem Mund zur Glühbirne aufsteigt. Und zu meiner Zukunft, die gleich daneben montiert wurde, denke ich. „Was hast du da oben gemacht?“ Sie sieht mich nicht an und sagt:„Da sind die Schlafzimmer.“ Ich frage lieber nicht weiter und versuche, das Thema zu wechseln. „Und wie bist du hier gelandet?“, diese Frage kann man auf Partys immer stellen, auch, wenn sie schon zu Ende gegangen sind. Wie diese hier. „Meine Freundin, Lea, weißt du, wen ich meine, eine große Schwarzhaarige, kennt hier irgendjemanden und hat mich mitgenommen, ich weiß nicht, ich kenne niemanden.“ Sie zieht an der Zigarette. Ein Schweigen setzt sich zu uns an den Tisch und lässt mich abwesend auf ein Holzauge starren und mit dem Feuerzeug spielen. Immer, wenn ich zu ihr aufblicke, beginne ich fast, zu weinen, sie ist wirklich schön. Und verloren.
„Warum schläfst du nicht?“, fragt sie. „Ich kann nicht.“, sage ich und dabei versuche ich ein trauriges Lächeln. Ich kann ihre Mine nicht deuten, sie sagt nichts. „Und warum schläfst du nicht?“ Sie sagt: „Ich will nicht.“ Sie steht auf und geht zur Musikanlage. Sie legt eine CD ein, die dort irgendwo gelegen haben muss. Ich höre, wie der Schacht sich öffnet und die CD einsaugt. Die ersten Töne sind noch leise, sie dreht die Lautstärke auf. Der Regler ist so weit rechts, dass einige der auf dem Boden
Liegenden Laute des Unbehagens von sich geben. Das Lied klingt nicht nach Musik, die auf Partys läuft. Jazz oder so. Eine Frau schreit verzweifelt. Ein Rauschen, vielleicht schon einige Jahrzehnte alt, belegt den Sound. Trommeln und Bass, ein Chor, und die Sängerin. „Baby, please don’t go.“ Und das Mädchen tanzt. Sie tanzt nicht besonders extravagant oder spektakulär. Eher sanft. Und langsam. Ich kann es nicht sehen, aber ich bin mir sicher, dass sie ihre Augen geschlossen hat. Und es unterbricht sie nicht, als jemand aufwacht, aufsteht und aus dem Raum taumelt, weil die Musik zu sehr in seinen Kopf sticht. Vielleicht merkt sie es noch nicht einmal. Die übrigen, die herumliegen, verglüht, schlafen weiter. Sie tanzt. Ich höre ihre Füße auf dem Parkett. Ihre Füße flüstern mir ins Ohr, dass sie versinkt. In dieser Nacht. Und wie sie in die Musik fällt, in den Rauch der Stimme, in den Rauch der ungezählten Zigaretten, in den Kitsch der unendlichen Tränen. Und die wie die restlichen Menschen verschwinden. Sie ist alleine.
Als sie in meine Welt zurückkehrt, bin ich selbst in meinen Gedanken verwoben und ich erschrecke etwas, als sie mir Rauch ins Gesicht bläst. Ich schaue sie entgeistert an und sie lächelt. Zum ersten Mal. Mit meiner letzten Zigarette in der Hand geht sie in die Küche. Wohnzimmer und Küche sind in diesem Haus miteinander verbunden. Wahrscheinlich, weil es modern aussieht und damit die Reise vom Kühlschrank zum schönen Esstisch, an dem wir sitzen, nicht so lang und beschwerlich ist. „Wie heißt du eigentlich?“, frage ich, mir ist aufgefallen, dass ich es nicht weiß. „Ich würde gerne Mia heißen.“ Obwohl sie nicht fragt, verrate ich ihr meinen Namen. „Ich bin Jasper.“ Sie sagt nichts. Sie guckt in den Kühlschrank und in alle Regale. Sie sucht nach etwas Essbarem. Über das, was sie findet, macht sie sich her, ihre Beute. Fast wie ein Raubtier. Die Wildheit, mit der sie das, was sie gefunden hat, bedingungslos in sich hineinstopft, ist mir unheimlich. Sie hat bestimmt länger nichts gegessen, denke ich. Vielleicht ist sie schon lange nicht mehr zuhause gewesen. Vielleicht ist sie schon seit einigen Nächten unterwegs. Mia. Ich muss mich erst daran gewöhnen. Auch wenn es nicht ihrer ist, irgendeinen Namen brauche ich. Ich stehe auf, vielleicht auch, damit ich mir das nicht mehr ansehen muss und mache einen Inspektionsrundgang durch das Haus.
Als ich mich zu ihr zurücksetze, sitzt sie wieder am Tisch und raucht eine Zigarette. Sie isst zwar nicht mehr, doch das Raubtier ist immer noch da, es lauert in ihrem Gesicht, unendliche Rastlosigkeit. Ich widerstehe dem Drang, sofort nachzufragen, wo sie die Zigarette her hat, ich will unbedingt auch noch eine und setze mich zu ihr. Sie sieht aufgelöst aus und ihre Augen wandern in grenzenloser Unruhe umher. „Was machst du heute noch?“, fragt sie. „Ich weiß nicht. Nichts.“, sage ich. „Ich glaube, wir sollten nicht hier bleiben.“ Ich höre deutlich das „wir“ in ihrer Stimme. „Und wo sollen wir hin?“ Sie sagt: „Das ist mir egal, aber ich will hier weg.“ – „Dann lass uns gehen.“ Ich lächle, und es gelingt mir sogar ganz gut, glaube ich. Doch meine Entschlossenheit überrascht mich selbst. Mia sieht nicht gut aus, als würde gleich irgendetwas aus ihr explodieren. Ich habe Angst. „Ich gehe nur noch schnell zur Toilette.“ Sie springt auf. Und rennt. Ich lege den Kopf auf den Tisch. Das Ohr am Holz ist eine andere Dimension, ich klopfe mit dem Finger auf den Tisch und atme. Das Geräusch ist unwirklich.
„Los, lass uns gehen, ich will nicht hier bleiben. Komm jetzt!“ Plötzlich steht sie wieder in der Tür. Wir gehen. Die Nacht schläft noch nicht. Auch draußen nicht. „Jasper“, sagt sie. Ich schaue sie an. Sie nimmt meine Hand. „Jasper, es ist kalt.“ Plötzlich hat sie alle Barrieren abgerissen, sie ist ganz nah. Mauerfall, denke ich, aber bitte ohne Wind of Change. „Wo willst du hin?“, frage ich. Sie antwortet nicht, sie geht einfach die Straße entlang. Nach links. Und nimmt mich mit. „Weißt du, was ich finde, Jasper, weißt du, was ich jeden Menschen fragen will? Ich will jeden fragen: Warum bist du noch am Leben? Ich habe auch schon viele gefragt. Aber die meisten wissen keine Antwort. Dann frage ich sie,
ob sie glücklich sind. Das wäre ein Grund, am Leben zu bleiben. Und sie sagen, dass sie das auch nicht wissen und dass sie keine Ahnung haben. Und dann wechseln sie das Thema.“ – „Weißt du es denn?“ Sie sagt nichts, sie holt eine Dose aus ihrer Tasche hervor. Es ist eine kleine, schwarze Blechdose und als Mia sie öffnet, kommen darin weiße und blaue Tabletten zum Vorschein. „Willst du auch eine?“, fragt sie. „Nein“, sage ich, „danke.“ Sie schluckt zwei von den blauen, trocken, und lächelt mich an. Sie lächelt wirklich selten. „Und Jasper, warum bist du noch am Leben?“ – „Ich weiß es nicht. Ich schätze, ich unterscheide mich nicht sehr von den anderen.“ – „Ich glaube schon, Jasper. Warst du schon mal verliebt?“ – „Benutz meinen Namen bitte nicht so oft, ich mag ihn nicht.“ - „Ich mache, was ich will. Also. Warst du schon mal verliebt?“ – „Ja.“ – „Und war sie schön?“ - „Ja.“ Ich gehe an ihrer Hand, es ist nass und ich frage mich, wann wohl heute die Sonne aufgeht. Wenn sie überhaupt jemals wieder aufgeht. Wir stehen vor einem Schild, auf dem ein blaues „U“ den Weg zur Bahnhaltestelle weist. Sie fragt aber nicht, ob ich mitkommen will und ich wüsste auch gar keine Antwort und sie zieht mich die Treppen hinunter, nach ein paar Minuten in die Bahn und dann auf einen Sitz neben ihr. Ich sehe sie an. Sie ist schön. „Depression ist doch auf die Dauer auch langweilig. Irgendwann sind einem die eigenen Abgründe einfach zu vertraut.“ Sie lacht, nachdem sie das gesagt hat. Und lächelt. Ich verstehe das nicht.
Tageslicht, denke ich, als wir mit der Rolltreppe den Häusern entgegen fahren. Nein. Nachtlicht. Es ist Winter, denke ich mir, es dämmert noch nicht. Noch lange nicht. Wir sind mitten in der Stadt. Ich weiß nicht, ob ich es Herz nennen soll, denn ich bin mir nicht sicher, ob es so etwas gibt. In dieser Stadt und überhaupt. Vielleicht ist es der Puls. Man kann nämlich das Pochen in den Rücklichtern hören, die vorbeifahren. Mia zerrt schon fast. „Geh nicht so langsam.“ - „Wo wollen wir denn überhaupt hin?“ – „Nur noch ein paar Straßen.“ Die Lichter ziehen an uns vorbei. Und daneben Menschen und die Überreste vom Schnee. Es ist kalt. Eine Gruppe, etwa in unserem Alter, lacht, als einer von ihnen ausrutscht und benommen sitzen bleibt. „Wir sind da.“, sagt sie. Wir stehen vor einer Art Bar, in der noch viel los zu sein scheint. Wie spät ist es eigentlich, denke ich.

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